Bereits in meiner frühen Jugend ist mir aufgefallen, dass man bei genauem Hinhören aus einem einfachen Rauschen Töne und Melodien abstrahieren kann. Im Fahrtwind eines Autos glaubt man manchmal sogar ganze Pop-Songs zu hören und muss verwundert feststellen, dass das Radio überhaupt nicht angeschaltet ist. Man hält sich eine Muschel ans Ohr, um in ihr das Meeresrauschen hören zu können. Nicht umsonst sagt man auch, dass sich das seichte Rauschen von Blättern und Bäumen wie Flüstern anhört.

 

Noch heute hilft mir diese Begebenheit, wenn ich in einer Komposition hänge: Sobald ich ein Rauschen höre, hilft mir das eine Melodie weiterzudenken – ich kann die einzelnen Töne beinahe schon hören.

 

Gelegentlich mag einem ein ähnliches Phänomen an einem alten Fernseher
auffallen, der nur Schnee, Bildrauschen, zeigt. Dann und wann glaubt man
Muster zu erkennen obwohl es nicht wirklich etwas zu erkennen gibt. Ebenso
glaubt man man in Wolken Formen erkennen zu können, manchmal auch in z.B. komisch gewachsenen Büschen oder Bäumen.

 

 

 

 

menschliche Wahrnehmung

Die Eigenschaft, ständig in scheinbar willkürlichen Konstellationen wiedererkennbare Formen und Muster erkennen zu wollen hat, ebenso wie die typische Verhaltensweise komplexe Sachverhalte zu sprichwörtlichem Chaos zu abstrahieren, mit der Eigenart menschlicher Wahrnehmung zu tun. Ein kleines Paradoxon, in dem wir versuchen, das für uns nicht Wahrnehmbare nach einfachen Regeln zu erschließen.

 

chaotische Verhältnisse

Das umgangssprachliche Chaos indes existiert eigentlich gar nicht – es handelt sich viel mehr um komplex vernetzte dynamische Systeme, wie zum Beispiel das Wetter, das Schwingen eines Pendels oder fallende Blätter – oder eben das Bildrauschen an einem Fernseher, das lediglich einen ungerichteten komplexen Elektronenfluss zeigt. Die Chaosforschung versucht das Verhalten dieser Systeme zu bestimmen – was theoretisch auch möglich wäre. Durch das irrationale Verhalten einiger Faktoren und Systeme jedoch stößt man auch mit wissenschaftlichen Methoden sehr schnell an Grenzen: Die Komplexität von Wetter beispielsweise ist so enorm, dass Vorhersagen für länger als 2 Tage auch heute mit den modernsten Geräten nur vage möglich sind.

 

Mandelbrot-Menge

Irrationales Verhalten existiert aber nicht nur bei dynamischen Systemen, auch im mathematischen Sinne stößt man auf solche Phänomene: bei Fraktalen. Typisch für ein Fraktal (z.B. das »Apfelmännchen«, die graphische Darstellung der Mandelbrot-Menge) ist eine grundsätzlich zu erkennende grafische Form, eine aus dem irrationalen Verhalten der Gleichung resultierende unendlich rauhe Kante und die große Selbstähnlichkeit der einzelnen Elemente. Einfache Beispiele für natürliche Fraktale sind Küstenlinien, Farne oder der Romanesko-Blumenkohl.

 

die irrationalste aller Zahlen

Die Idealform eines natürlichen Fraktals ist wohl der Goldene Schnitt und in diesem Zusammenhang die Fibonacci-Zahlenreihe. Lange hat man hinter dem Goldenen Schnitt – der Zahl »Phi« – eine Art Weltformel vermutet, eine Schönheitsideal, die natürlichste aller Zahlen. Man versuchte auf diese Weise das ästhetische Empfi nden des Menschen zu erklären, genau wie seine Anatomie, ja sogar jegliche existierende Anatomie. Man sah den Goldenen Schnitt in Gemälden, in der Architektur, der Natur, der Musik, etc. Fakt ist aber, dasser sich nur in sehr wenigen Kunstwerken nachweisen lässt und am ehesten in der Botanik zu finden ist – wo wir wieder beim Romanesko wären oder z.B. beim Efeu.

 

Fibonacci schließlich war ein Mathematiker aus dem Venedig des 13. Jahrhunderts, der eine Zahlenreihe aufgestellt hat, bei der die Quotienten zweier benachbarter Zahlen immer die irrationale Zahl Phi ergeben. Je höher die Zahlen werden, desto genauer.

 

Zu diesen Fakten
kommt noch die Erkenntnis, dass man nicht unbedingt eine Fliege zeigen muss, um sie zu erkennen: Wir erkennen sie an ihrem spezifischen Flug, ihrer »Dynamik«. Begründet liegt das im enormen Bewegungsgedächtnis des Menschen. Ich kann die Fliege also auch erkennen, wenn sie – wie in meiner Arbeit – durch einen einfachen schwarzen Punkt ersetzt wird. Das lässt wiederum den Schluss zu, dass es sich mit anderen typischen dynamischen Systemen genauso verhält.

 

Und hier liegt der Ursprung der Umsetzung meiner Diplomarbeit begründet:
Es handelt sich um ein grafisch-musikalisches Gleichnis all der Erkenntnisse
und Schlüsse, die ich aus meinen umfangreichen Recherchen ziehen konnte.

 


Meik Mense im Juni 2006

 

 

»im Rauschen – eine experimentelle Animation« ist eine Diplomareit von Meik Mense und entstand 2006 im Studiengang Medien-Design an der FH-Mainz. Die Diplomarbeit wurde betreut durch Professor Harald Pulch und unterstützt durch die Nachwuchsförderung für Produktionen im Bereich Film und Neue Medien Rheinland-Pfalz.

 

Die Animation wurde mit dem Designpreis Rheinland-Pfalz 2006 in der Kategorie Juniordesign ausgezeichnet.

 

Twitter: @HrMense

Animation in HD auf Vimeo